Zwischen Bedarf und Bedrohung

Bis 2033 braucht die Schweiz über 2300 neue Allgemeininternistinnen und Allgemeininternisten

News
Ausgabe
2024/06
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1498538033
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(06):160-162

Publiziert am 05.06.2024

Innerhalb des nächsten Jahrzehnts verschwinden 44 Prozent der Vollzeitstellen in der Allgemeinen Inneren Medizin– hauptsächlich aufgrund von Pensionierungen und der Reduktion von Arbeitspensen. Das zeigt eine neue Workforce-Studie der SGAIM. Um die drohende Versorgungslücke zu schliessen, ist die Politik aufgefordert, den politischen Rahmen zu schaffen, der attraktive Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen ermöglicht und den künftigen Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen deckt.
Die Allgemeine Innere Medizin (AIM) ist ein entscheidendes Element im schweizerischen Gesundheitssystem. Ihr kommt unter anderem die zentrale koordinative Aufgabe zu, Spezialistinnen und Spezialisten so aufeinander abzustimmen, dass sie sich ergänzen, statt widersprechen. Die «Generalistinnen und Generalisten» unter den Ärztinnen und Ärzten sorgen dafür, dass die linke Hand im Gesundheitswesen weiss, was die rechte macht.
Um die Qualität für Patientinnen und Patienten zu erhalten oder zu verbessern, ist es wichtig, abschätzen zu können, wie viele Menschen in diesem Bereich tätig sind – und künftig tätig sein werden. Dies ist eine zentrale Grundlage für politische Entscheidungen.
Um die Zahl der aktuellen und künftigen Allgemeininternistinnen und Allgemeininternisten (Hausärztinnen und Hausärzte und Internistinnen und Internisten in Krankenhäusern) zu analysieren, hat die Nachwuchsförderungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) eine Umfrage unter ihren Mitgliedern lanciert. Die entsprechende Workforce-Studie liegt inzwischen vor. Die wissenschaftliche Leitung oblag Prof. Sven Streit, dem Präsidenten der SGAIM-Nachwuchsförderungskommission. Er ist ausserordentlicher Professor für Grundversorgung Medizin an der Universität Bern und Mitglied des Management Boards des Berner Instituts für Hausarztmedizin (BIHAM).

Pro Jahr verschwinden 232 Vollzeitstellen

Die Befragten wurden nach ihrer aktuellen durchschnittlichen Arbeitsbelastung im Jahr 2023 und nach ihrem geplanten Arbeitspensum im Jahr 2033 gefragt. Basierend darauf berechnete Sven Streit die Vollzeitäquivalente (FTE) der aktuellen Fachärztinnen und Fachärzten für Allgemeine Innere Medizin und extrapolierte die FTE auf alle aktiven SGAIM-Mitglieder.
Von den 6232 aktiven SGAIM-Mitgliedern nahmen 2030 (33 Prozent) an der Umfrage teil. 46 Prozent der Teilnehmenden waren weiblich, die grösste Altersgruppe bildeten die 56- bis 65-Jährigen (25 Prozent). 19 Prozent befanden sich noch in der Facharztausbildung. Die durchschnittliche Arbeitsbelastung im Jahr 2023 betrug 78 Prozent für Frauen und 87 Prozent für männliche Allgemeinmediziner. Damit betrug die Zahl der extrapolierten FTE aller SGAIM-Mitglieder 5237.
Bis 2033 werden davon 1935 FTE (37 Prozent) in den Ruhestand gehen, 502 FTE (10 Prozent) wollen ihre Arbeitsbelastung reduzieren und 116 FTE (2 Prozent) ihre Arbeitspensen erhöhen. 2800 FTE (53 Prozent) werden mit demselben Pensum wie 2023 im Beruf bleiben.
Das Fazit: Um die gleiche Arbeitskräftezahl wie 2023 zu erhalten, werden bis in zehn Jahren 2321 neue FTE benötigt – das sind 44 Prozent aller Vollzeitstellen. Um die Lücke von 232 FTE neuen Fachärztinnen und Fachärzten für Allgemeine Innere Medizin zu schliessen, hat Sven Streit verschiedene Szenarien unter der Annahme von Interesse, Arbeitsbelastung, Migration und Aussteigerinnen und Aussteigern modelliert.

Bevölkerung wächst um eine weitere Million

Die Modelle zeigen, dass es unter idealen Bedingungen zwar möglich ist, die Lücke knapp zu schliessen. Wenn beispielsweise wie 30 Prozent der Studentinnen und Studenten sich für die AIM entscheiden und künftig im Schnitt 70 Prozent arbeiten, entstehen 252 FTE pro Jahr, bei einem durchschnittlichen 80-Prozent-Pensum sind es jährlich 288 FTE. Entscheiden sich aber nur 20 Prozent der Studierenden für die Allgemeine Innere Medizin, resultieren bei einem 80-Prozent-Pensum noch 192 FTE. Zudem hängt diese Zahl davon ab, wie viele Fachärztinnen und Fachärzte AIM einwandern und wie viele ihren angestammten Beruf vorzeitig verlassen.
Bei diesen Modellrechnungen gilt es, einen wichtigen Faktor zu berücksichtigen: Das Bundesamt für Statistik schätzt, dass die Schweiz bis 2033 bis zu einer Million mehr Einwohnerinnen und Einwohner zählt.
«Wir sind bereits heute mit einem Mangel an Fachkräften konfrontiert. Dieser wird sich in den nächsten zehn Jahren deutlich zuspitzen», sagt Sven Streit. «Damit diese Lücke geschlossen und unsere Patientinnen und Patienten koordiniert, patienten-zentriert und von hoher Qualität ambulant und stationär behandelt werden können, brauchen wir deutliche Massnahmen. Wir können uns nicht zurücklehnen und glauben, dass wir unseren Bedarf allein aus dem Ausland decken können.»
Aus Sicht der SGAIM braucht es Massnahmen auf mehreren Ebenen, um eine drohende Versorgungslücke zu verhindern:
  • Die Schweiz muss erstens die Universitäten darauf ausrichten, neben Spitzenmedizin die Grundversorgung zu lehren. Entscheidend ist, die Zahl der Studienplätze in der Humanmedizin zu erhöhen – auch wenn diese in den letzten Jahren ausgebaut wurden. Diese Massnahme ist auch die richtige gegen den Mangel an Kinderärztinnen und Kinderärzten sowie Psychiaterinnen und Psychiatern.
  • Um die in der Bundesverfassung verankerte medizinische Grundversorgung von hoher Qualität zu gewährleisten, braucht es zweitens auf politischer Ebene einen Masterplan von Bund und Kantonen. Zentral ist ein fairer, zeitgemässer Arzttarif sowie der Stopp von sinnlosen Zulassungsbeschränkungen für Fachärztinnen und Fachärzten AIM, wie dies zurzeit im Kanton Bern vorgesehen ist.
  • Und drittens: Um die Attraktivität der AIM zu steigern, setzt sich die SGAIM mit ihren Partnerinnen und Partnern dafür ein, dass der Nachwuchs den Beruf weiterhin als sehr interessant und vielfältig ansieht. Künftige Fachärztinnen und Fachärzten für Allgemeine Innere Medizin brauchen aber neben genügend Studien- und Weiterbildungsplätzen auch ein Arbeitsumfeld, in dem sie sich ideal auf ihre bevorstehende Tätigkeit als Generalistinnen und Generalisten im Spital oder in der Praxis vorbereiten können.
Sascha Hardegger, SGAIM
Verantwortlicher Kommunikation/Marketing
Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM)
Monbijoustrasse 43
Postfach
CH-3001 Bern
sascha.hardegger[at]sgaim.ch

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