Praxiseinstieg – was motiviert, was hindert …
Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Praxiseinstieg – was motiviert, was hindert …

Themenschwerpunkt
Ausgabe
2024/05
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1451277043
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(05):140-142

Affiliations
Dipl. Arzt Allgemeine Innere Medizin, Ärztehaus Seebach, Zürich

Publiziert am 08.05.2024

Warum haben viele junge Ärztinnen und Ärzte einen solch grossen Respekt vor dem Praxiseinstieg? Ich habe dazu eine nicht repräsentative Umfrage in meinem Freundeskreis gemacht und die Antworten lassen sich in drei Kategorien einteilen. Am meisten wurde angebracht, dass man sich noch nicht an eine Praxis binden möchte, weder finanziell noch geographisch. Es ist natürlich toll, wenn man frei ist, und auch die Möglichkeit hat, einfach mal drei Monate auf Reisen zu gehen oder ein Auslandeinsatz zu machen und seinen Horizont zu erweitern. Gerade in der heutigen Zeit scheinen die Möglichkeiten nahezu grenzenlos zu sein, und da winken sehr attraktive Möglichkeiten, welche man nach dem Praxiseinstieg nicht mehr so einfach realisieren kann.
Stefan Langenegger ist diplomierter Arzt in Allgemeiner Innerer Medizin. 2016 ist er in die Praxis «Ärztehaus Seebach» in Zürich eingestiegen, nachdem er dort seine Praxisassistenz absolviert hatte.
© 2024 Pascal Bovey Photography
Ein weiterer Grund, der gegen den Einstieg spricht, ist die hohe Verantwortung, die man als Hausärztin oder Hausarzt oft alleine trägt. In den Medien wird öfters über Negativbeispiele als über eine erfolgreiche Praxiseröffnung berichtet, denn «bad news sell». Im Spital hingegen ist man in einem relativ gut strukturierten und vermeintlich sicheren Umgebung, fast jeder Fall wird interdisziplinär und interprofessionell besprochen, und die Verantwortung, wenn auch hier immer bei der Ärztin oder bei dem Arzt, verteilt sich auf mehreren Schultern, es sei denn, man bespricht einen Fall nicht mit der Oberärztin oder dem Oberarzt oder der direkten Vorgesetzten oder dem direkten Vorgesetzten. Und zuletzt ist auch die Angst omnipräsent, fachlich stehenzubleiben.

Die unbegrenzten Möglichkeiten in der Praxis

Viele dieser Bedenken und Einwände sind einfach aus dem Weg zu räumen, denn oft ist man sich den fast unbegrenzten Möglichkeiten in der Arztpraxis nicht bewusst. Der Praxiseinstieg ist, wenn auch immer wieder anders dargelegt, kein unumkehrbarer Weg. Sollten sich die Lebensumstände oder der Lebensmittelpunkt einmal ändern kann man sich wieder aus einer Praxisgemeinschaft lösen oder die eigene Praxis wieder verkaufen. Man ist auch nie ganz alleine – selbst wenn man sich für eine Einzelpraxis entscheidet. Es gibt sehr gut organisierte Ärztenetzwerke, wo man sich in regelmässigen Abständen trifft, sich austauschen, und das Wissen und die neuen Erkenntnisse aus Fortbildungen, der Fachliteratur oder ganz einfach aus dem Praxisalltag miteinander teilen kann. Es ist sogar so, dass man als Hausärztin oder Hausarzt noch näher am Ball ist als im Spital, denn ich muss niemand fragen, ob ich die neusten Empfehlungen, z.B. aus den Top 5 Listen (smarter medicine) anwenden sollte oder nicht. Man kann auch frei entscheiden, ob man ein neues Medikament verschreiben oder abgeben möchte, und man ist auch frei, Generika anstelle der teureren Originalpräparate abzugeben, was natürlich mehr Sinn macht.
Aber beginnen wir nochmals von ganz vorne. Als ich gefragt wurde, ob ich einen Beitrag zum Thema Nachwuchsförderung für dieses Heft schreiben möchte, war mein erster Gedanke, ob ich denn überhaupt die richtige Person dazu bin. Mein Einstieg in die Hausarztpraxis liegt schon fast acht Jahre zurück. Leider ist es aber so, dass ich mit meinen über vierzig Jahren noch immer zu den jüngeren Hausärzten gehöre, denn das Medianalter der Grundversorger liegt mittlerweile schon nahe bei 60 Jahren.
Mein Praxiseinstieg hatte sowohl typische als auch ungewöhnliche Aspekte. Typisch, weil wie ich fast die Hälfte der jungen Hausärztinnen und Hausärzte dort in die Praxis einsteigen, wo sie zuvor ihre Praxisassistenz gemacht haben. Ungewöhnlich ist mein Werdegang hingegen, weil ich mich anders als die Mehrheit der jungen Hausärztinnen und Hausärzte nicht zuerst anstellen liess, sondern bei der erstbesten Gelegenheit in die Praxis einstieg. Auch wenn dieser Weg nicht der einfachste war, war es für mich der richtige und ich habe die Entscheidung des Einstiegs nie bereut.
Die erste grosse Hürde war das noch fehlende Facharztdiplom. Zwar konnte ich mit drei Jahren Weiterbildung den Weiterbildungstitel «Praktischer Arzt» erwerben und als selbständiger Hausarzt tätig sein. Zu Beginn war ich tarifarisch dem Facharzt für Allgemeine Innere Medizin gleichgestellt. Zwei Jahre nach meinem Einstieg wurde dann aber der sogenannte Skalierungsfaktor eingeführt, ein Abzug auf alle Tarifleistungen, was zu einer erheblichen Umsatzeinbusse führte. Mir fehlte zwar nur noch eine wissenschaftliche Publikation, diese benötigte aber noch mehrere Anläufe und Jahre.

Rahmenbedingungen erschweren den Einstieg

Ein weiterer Stolperstein: die vielen Auflagen und Anforderungen. Wenn man zum Beispiel manuelle Therapien abrechnen möchte, benötigt man eine zweijährige Weiterbildung in der Manuellen Medizin. Möchte man eine Röntgenanlage betreiben, muss man den Fähigkeitsausweis Dosisintensives Röntgen erwerben, was ebenfalls mehrere Jahre in Anspruch nimmt. Nach fünf Jahren selbständiger Tätigkeit in der Hausarztpraxis war es dann endlich soweit. Ich erlangte den Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, den Fähigkeitsausweis dosisintensives Röntgen und den interdisziplinären Schwerpunkttitel Manuelle Medizin. Da mein Praxispartner für sein gynäkologisches Spektrum ein Ultraschallgerät benötigte, lag es auf der Hand, dass ich auch noch den Fähigkeitsausweis Abdomensonographie erwarb, ein ebenfalls mehrjähriges und wie alles andere auch sehr zeitaufwändiges und kostspieliges Unterfangen.
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Stefan Langenegger während einer Sprechstunde in der Praxis.
© 2024 Ärztehaus Seebach
Als ob das alles nicht genug wäre, kündigte sich zum selben Zeitpunkt auch noch ein Besuch vom Amt an – Nein nicht der Arbeitsinspektor, es war die Heilmittelkontrolle (was zum Glück nicht ganz so schlimm ist). Natürlich wurde auch einiges bemängelt, und es wurde uns untersagt zu sterilisieren, weil im selben Raum eine Patientenliege für Infusionen oder liegende Blutentnahmen stand. Um weiter sterilisieren zu können, waren bauliche Massnahmen nötig. Ich lernte nicht mehr mit dreistelligen, sondern fortan mit vier- bis fünfstelligen Frankenbeträgen zu rechnen. Jedes Laborgerät, ein neuer Detektor fürs Röntgen, der Ultraschall, Einrichtungsgegenstände wie Vorhänge, Operationsleuchten, Liegen, Medikamentenkühlschränke – all das kostet unglaublich viel Geld, das man zuerst einmal verdienen muss. Auch die sanitären Anlagen, der Boden und das Mobiliar hat ein Ablaufdatum und muss irgendwann geprüft oder ersetzt werden. Als kleiner Exkurs wenn wir schon bei den Finanzen sind: Bei der Einführung des ambulanten Tarifs im Jahr 2004 lag dieser noch bei 97 Rappen, heute liegt er bei 89 Rappen, also über acht Prozent weniger, und das bei einer Teuerung in der selben Zeit von über zwölf Prozent.

Hauptmotivation: selber entscheiden, Work-Life-Balance und dankbare Patientinnen und Patienten

Wie bereits angetönt können diese Stolpersteine die Vorzüge der eigenen Praxis nicht übertrumpfen. Ich kann mir keine sinnstiftendere Arbeit erdenken als die als Hausarzt. Ich muss niemanden fragen, wann ich Ferien nehmen darf. Und ich kann über banale Dinge wie zum Beispiel der Farbe und Beschaffenheit des Bodenbelags, der Vorhänge und über Mitarbeitende, die ich einstellen möchte, frei entscheiden, ich kann jedem Netzwerk beitreten und auch jederzeit wieder austreten, und jederzeit ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie respektive Freizeit, oder wie man so schön sagt die «Work-Life-Balance» gegeben.
Auch wenn der Beruf einem viel abverlangt, denke ich, dass man in einem erfüllenden Beruf auch privat ein glücklicherer Mensch wird. Viele Aspekte sprechen für die Tätigkeit als Hausärztin oder Hausarzt: Es gibt einen geregelten Notfalldienst mit wenig oder keinen Nacht- oder Wochenenddiensten, man kümmert sich um ein ungefiltertes Patientengut, kann eine langjährige Beziehung zu seinen Patientinnen und Patienten aufbauen, ist bei der Arbeitsplanung stets autonom, kann mit einem eingespielten Team mit flachen Hierarchien arbeiten und wird nicht zuletzt durch einen unglaublich hohen Rückhalt und Wertschätzung durch die Bevölkerung verwöhnt.
Das eingespielte Praxisteam im Ärztehaus Seebach.
© 2024 Pascal Bovey Photography
Stefan Langenegger, dipl. Arzt
Ärztehaus Seebach
Landhusweg 4
CH-8052 Zürich
stefan.langenegger[at]hin.ch
GAETAN BALLY