Massgeschneiderte Weiterbildungswege zur Nachwuchsförderung
Weiterbildung

Massgeschneiderte Weiterbildungswege zur Nachwuchsförderung

Themenschwerpunkt
Ausgabe
2024/05
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1451240388
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(05):124-126

Affiliations
Schweizerische Akademie für psychosomatische und psychosoziale Medizin (SAPPM/ASMPP)

Publiziert am 08.05.2024

Mit dem Erlangen eines Facharzttitels hört die ärztliche Berufsentwicklung nicht auf. Ein zusätzlicher interdisziplinärer Schwerpunkttitel ermöglicht, das eigene Profil weiter zu schärfen und wichtige Zusatzkompetenzen für die eigene berufliche Zufriedenheit zu erwerben. Die persönliche Identifikation mit dem medizinischen Alltag ist entscheidend für eine nachhaltige berufliche Zufriedenheit. Die Schweizerische Akademie für Psychosomatische und Psychosoziale Medizin (SAPPM) bietet hierfür massgeschneiderte Weiterbildungswege an und erfreut sich an kontinuierlichem Nachwuchs.

Interdisziplinärer Schwerpunkttitel

Interdisziplinäre Schwerpunkttitel sind SIWF-anerkannte ärztliche Zweitausbildungen, die additiv zu diversen Facharzttiteln erworben werden können und spezifische interdisziplinäre Kompetenzen fördern. Beispiele hierfür sind Ernährungsmedizin, Sport- und Bewegungsmedizin, Klinische Notfallmedizin sowie der Schwerpunkttitel in Psychosomatischer und Psychosozialer Medizin. Schwerpunkttitel stellen eine Vertiefung/Spezialisierung eines Fachgebietes dar und sind zur Ausübung einer hauptberuflichen ärztlichen Tätigkeit geeignet (vgl. Art. 50 WBO, SIWF). Etwa 80% aller SAPPM-Titelträgerinnen und -träger in der Schweiz haben einen Basis-Facharzttitel in einem somatischen Fach, davon drei Viertel in Allgemeiner Innerer Medizin. Der Schwerpunkttitel in Psychosomatischer und Psychosozialer Medizin ergänzt die deduktive Organmedizin in idealer Weise, indem sie den Fokus auf den Gesamtorganismus, das Subjekt und das menschliche Individuum in seinem Kontext ausweitet.

Weiterbildungsbedarf und Weiterbildungsvorteile

Etwa jede dritte Person, die in der Grundversorgung medizinische Hilfe sucht, äussert Beschwerden, die sich organmedizinisch nicht einordnen lassen [1]. Ein weiterer Grossteil an Patientinnen und Patienten leidet an Erkrankungen, die gleichsam eine somatische wie psychische Schlagseite haben. Der interdisziplinäre Schwerpunkttitel in Psychosomatischer Medizin vermittelt physiologische und psychologische Kenntnisse zu funktionellen Störungen sowie somatopsychischen Kombinationserkrankungen. Neben diagnostischen und therapeutischen Skills vermittelt die 2–3-jährige Weiterbildung ein vertiefteres Individualverständnis sowie Methoden eines partizipativen und dialogischen Patientinnen- und Patientenumgangs. Geschult wird die Integration und Kontextualisierung des biomedizinischen Wissens in die psychosoziale Erlebenswelt eines individuellen Subjektes. Damit findet eine Art Personalisierung der Medizin statt, die für Betroffene wie Behandelnde effektiver und sinnstiftender ist. Die titelgebundene TARMED-Tarifposition (00.0525) ermöglicht, dass das hierzu unabdingbare ärztlich-stützende Gespräch in der Sprechstunde formal realisierbar und finanzierbar ist.

Diversifizierte Realisierungswege

Die Planung eines Schwerpunkttitel-Erwerbs ist weniger eng vorgegeben, wie der Erwerb eines Basis-Facharzttitels. Die zeitliche Umsetzung passt sich der individuellen Arbeits- und Lebenssituation der interessierten ärztlichen Person an. Weiterbildungs-Credits für den Erwerb eines SAPPM-Schwerpunkttitels lassen sich sowohl mittels berufsbegleitender Weiterbildung als auch im Rahmen von Spitaltätigkeit in SAPPM-akkreditierten Institutionen erwerben (siehe Abb. 1). Oft lässt sich die Spital-Tätigkeit in einer SAPPM-anerkannten klinischen Weiterbildungsstätte gleichsam auch für die Anerkennung eines Facharzttitels (z.B. in Allgemeiner Innerer Medizin) anrechnen, was ausbildungsplanerisch besonders effektiv ist. Dem Weiterbildungsweg an universitätsmedizinischen Kliniken steht auch die akademische Perspektive im Fachbereich der Psychosomatischen Medizin offen.
Abbildung 1: Die klinische Weiterbildung hat den Vorteil, dass sich die ärztliche Tätigkeit je nach Institution sowohl als Weiterbildungsleistung für den Facharzttitel wie auch den Schwerpunkttitel SAPPM anrechnen lässt. Für die berufsbegleitenden Weiterbildungs-Curricula gibt es schweizweit 4 anerkannte Weiterbildungsinstitute. Die klinische Weiterbildung (Option A und B) lässt sich beliebig mit Einzelweiterbildungen, Weiterbildungs-Teilangeboten sowie Weiterbildungs-Modulen (Option C) kombinieren. Gesamthaft sind zur Erlangung des Schwerpunkttitels 360 Credits von SAPPM-anerkannten Institutionen notwendig.
Als Alternative zur klinischen Ausbildung stehen in der Schweiz berufsbegleitende Gesamt-Curricula an vier bewährten Weiterbildungsinstituten in Basel, Zürich, im Tessin und in der Romandie zur Auswahl. Sie umfassen einen gut zweijährigen strukturierten Lehrgang, der ebenfalls zum Schwerpunkttitel-Diplom führt [2].
Schliesslich gibt es auch die Option bausatzartiger Kombinationslösungen im Sinne eines individuellen Curriculums auf Basis berufsbegleitender «Weiterbildungs-Teilangebote» (WBTA) und «Weiterbildungsmodulen» (WBM), die schrittweise, aber in frei wählbaren Zeitrahmen, auch zum Ziel des Schwerpunkttitels führen. Das inhaltliche Angebot solcher modulartigen Weiterbildungsangebote, wurde in den letzten Jahren deutlich erweitert. Neu im Programm 2024 sind ein Psychokardiologie-Kurs, zwei schmerzmedizinische Angebote sowie ein Basic-Skills-Kurs für die psychosomatische Grundversorgung (siehe Abb. 2).
Abbildung 2: Berufsbegleitende Weiterbildungs-Teilangebote und Weiterbildungs-Module ermöglichen mehr Individualisierung in der Weiterbildungsplanung, sowohl in inhaltlicher, zeitplanerischer wie auch quantitativer Hinsicht.

Nachwuchsförderung durch verbesserte berufliche Identifikationsmöglichkeit

Die aktuelle Sinnkrise im Gesundheitswesen, gekennzeichnet durch Desidentifikation und Abgänge von talentierten Leuten, lässt sich am ehesten durch das Anstreben eines Kulturwandels im eigenen Wirkbereich angehen. Ein Weiterbildungs-Angebot, welches die fragmentierte und überorganisierte Medizin durch eine personenzentrierte und psychologische Dimension re-humanisiert, ist ein möglicher Weg, um einen Sinn- und Kulturwandel im eigenen Wirkungsbereich umsetzen zu können. Der Schwerpunkttitel in Psychosomatischer und Psychosozialer Medizin ist ein Weiterbildungsangebot, welches die Organmedizin wieder in den Kontext der Humanmedizin setzt, zu der wir ursprünglich im Studium angetreten waren.
PD Dr. med. Niklaus Egloff
Präsident SAPPM
Postfach 5221
CH-6260 Reiden
niklaus.egloff[at]sappm.ch
1 AWMF online [Internet]. Berlin: S3 Leitlinie «Funktionelle Körperbeschwerden» [cited 2024 Apr 04]. Available from: https://register.awmf.org/assets/guidelines/051-001l_S3_Funktionelle_Koerperbeschwerden_2018-11.pdf
2 SAPPM/ASMPP [Internet]. Reiden: Ausbildungskurse [cited 2024 Apr 04]. Available from: https://www.sappm.ch/weiter-fortbildung/agenda/ausbildungkurse/