Masterplan Nachwuchsförderung

Jetzt erst recht: mehr Nachwuchs in der Haus- und Kinderarztmedizin

Themenschwerpunkt
Ausgabe
2024/05
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1439934504
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(05):127-129

Publiziert am 08.05.2024

Nachwuchs betrifft uns alle und wenn es um die Zukunft der Haus- und Kinderarztmedizin geht, sprechen wir nicht bloss von der Sicherung eines Berufsstandes, sondern davon, ob unser Gesundheitssystem in seinen Grundzügen bewahrt werden kann. Der Schweiz droht aufgrund des Mangels an Nachwuchs das Szenario, die kostengünstige und qualitativ hochstehende Basis für die medizinische Grundversorgung zu verlieren. mfe weist schon lange auf diesen Umstand hin und neue Hausärztinnen und -ärzten und Kinderärztinnen und -ärzten werden dringender denn je benötigt. Der Zeitpunkt ist also gekommen, sich noch stärker für genügend Nachwuchs bei den Haus- und Kinderärztinnen und -ärzten zu engagieren – einem der schönsten Berufe, wohlgemerkt. Dazu hat mfe 2022 den Masterplan Nachwuchs (Abb.1) ins Leben gerufen.
Abbildung 1: Masterplan Nachwuchsförderung – Schwerpunkte anhand der Laufbahn.
Mit Sorge muss beobachtet werden, dass der Mangel an Nachwuchs immer drastischer wird, da sich immer mehr Medizinstudierende in der Schweiz gegen die Allgemeinmedizin und für eine Spezialisierung entscheiden. Hinzu kommt, dass schon heute knapp 40% der aktuell praktizierenden Haus- und Kinderärztinnen und -ärzten über ein ausländisches Diplom verfügen – Tendenz steigend. Das ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern bedeutet auch eine hohe Abhängigkeit von ausländischen Fachkräften. Sollten die Nachbarländer aus der EU ihre Arbeitsbedingungen für die Haus- und Kinderärztinnen und -ärzte verbessern, hätte das schnell fatale Folgen für unser Gesundheitssystem.
Mit dem Masterplan Nachwuchs intensiviert mfe sein Engagement für die Nachwuchsförde-rung. In der Steuergruppe sind die Partnerorganisationen JHaS, SGAIM, SGP, KHM und SAFMED vertreten und erst kürzlich wurde eine Liste mit 17 wichtigen Massnahmen und Forderungen aus den Themen Ausbildung, Weiterbildung und Rahmenbedingungen erarbeitet. In einer gemeinsamen Vernehmlassungsantwort für das SBFI (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation) zur Botschaft 2025–2028 wurde daraus ein konkretes Massnahmenpaket formu-liert und eingegeben. Insgesamt werden CHF 205 Mio. an Bundesmittel zur Förderung der Haus- und Kinderarztmedizin beantragt. CHF 100 Mio. sollen davon in ein Sonderprogramm Humanmedizin (Erhöhung der Studienplätze) fliessen, weitere CHF 105 Mio. sollen zur Förderung der Haus- und Kinderarztmedizin in der Aus- und Weiterbildung eingesetzt werden.
Die Organisationen der medizinischen Grundversorgung konnten sich im Rahmen des Master-plans auf gemeinsame Ziele einigen und haben damit das Fundament für ein geeintes und verstärktes Engagement zur Nachwuchsförderung gelegt. Aktuell stehen die Präzisierung der Zuständigkeiten, Handlungsmöglichkeiten und Verbindlichkeiten für die priorisierten Massnahmen an und weitere Partner müssen in den Masterplan eingebunden werden, so z.B. das WHM und die regionalen Organisationen für die Praxisassistenzprogramme.
mfe wird sich auf die regulatorischen und finanziellen Massnahmen fokussieren, wobei die politische Lobbyarbeit im Hinblick auf die Vergabe des SBFI-Fonds im Vordergrund stehen wird. Der Bundesrat und das Parlament können über den SBFI-Fonds für die Periode 2025 bis 2028 (Abb. 2) mit knapp CHF 30 Mia. strategische Planungen und inhaltliche Schwerpunktsetzungen im Bildungsbereich entscheidend beeinflussen. Seinen politischen Einfluss wird mfe auch für die Bedürfnisse des Nachwuchses nutzen und dafür sorgen, dass der Masterplan konkrete Wirkung entfaltet. Parallel dazu hat mfe eine Petition zur Stärkung der Haus- und Kinderarztmedizin lanciert (siehe Kasten), mit welcher unter anderem die Erhöhung der Anzahl an Medizinstudienplätze und eine Stärkung der Allgemeinmedizin an den Universitäten gefordert wird.
Abbildung 2: Beim SBFI beantragte Summe (25-28).

mfe lanciert Petition

Jetzt braucht es politischen Druck und endlich Sofortmassnahmen. Die Versorgungskrise in der Haus- und Kinderarztmedizin ist Realität. Es gibt immer weniger Haus- und Kinderärztinnen und -ärzte für immer mehr Patientinnen und Patienten; viele Praxen scheitern bei der Suche nach einer Nachfolge. Der Mangel an Fachkräften und Nachwuchs ist augenfällig und die Schweiz vergibt aktuell um die 60% der Facharzttitel an Ärztinnen und Ärzte mit einem ausländischen Diplom. Und obwohl von verschiedensten Seiten seit langem vor einer Verschärfung des Prob-lems gewarnt wird, bewegt sich deutlich zu wenig auf politischer Ebene. Das wollen wir ändern und aufzeigen, dass die Schweizer Bevölkerung auch morgen noch eine Hausärztin oder einen Hausarzt und eine Kinderärztin oder einen Kinderarzt braucht!
mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz fordert deshalb mittels einer Petition:
  • die Erhöhung der Anzahl an Medizinstudienplätze von 1300 auf 1800
  • eine Stärkung der Haus- und Kinderarztmedizin an den Universitäten
  • die Erhöhung der Zahl der Praxisassistenzstellen von 280 auf 720, damit jeder künftige Hausarzt (40% der Studienabgänger) eine PA absolvieren kann
  • Bundesmittel im Umfang von CHF 200 Mio. zur Lancierung eines Impulsprogramms zur Erreichung der obigen Ziele
Mehr Informationen zur Petition unter: www.hausaerzteschweiz.ch/petition-2024
Jede Unterschrift zählt!
Unterlagen für die Praxis und für Ihr privates Umfeld finden Sie unter www.hausaerzteschweiz.ch/petition-2024

Interview mit Monika Reber

Frau Reber, Sie sind Vorstandsmitglied bei mfe und Leiterin des Ressorts Nachwuchs. Was war der ausschlaggebende Punkt, den Masterplan Nachwuchs ins Leben zu rufen?
Der Mangel an Haus- und Kinderärztinnen und -ärzten ist in unserem Praxisalltag immer mehr spürbar und alle uns zur Verfügung stehenden Daten bestätigen die seit langem vorausgesagte Entwicklung. Wenn nun nicht sehr rasch relevante Impulse gesetzt und implementiert werden, wird die Versorgung der Bevölkerung sich klar verschlechtern – und auch teurer werden. Dafür müssen wir uns mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften einsetzen.
Können Sie schon von ersten Erfolgserlebnissen berichten?
In einem ersten Schritt ist es gelungen, mit den nationalen Partnerorganisationen aus der Grundversorgung gemeinsam prioritäre Ziele zu definieren und als Antrag für Bundesgelder aus dem BFI-Fonds 2024–28 zu formulieren. Dieses gemeinsame Engagement ist ein erster Erfolg.
Was stimmt Sie zuversichtlich, mit dem Masterplan Fortschritte beim Nachwuchs zu erzielen?
Das Thema des Grundversorgermangels scheint nach jahrelangem, gebetsmühlenartigem Wiederholen nun doch endlich in der Politik angekommen zu sein und Priorität zu erhalten. Die Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider hat die Stärkung der Grundversorgung anlässlich einer nationalen Gesundheitskonferenz als Priorität Nr. 1 betitelt. Das lässt hoffen. Ebenfalls Hoffnung macht mir, dass sich die jungen Ärztinnen und Ärzte aktiv für ihre Anliegen einsetzen und sich Gehör verschaffen.
Was sind die konkreten nächsten Schritte? Worauf dürfen wir uns gefasst machen?
Prioritär müssen wir uns einerseits in diesem Jahr dem Lobbying für die beantragten Bundesgel-der aus dem BFI-Fonds widmen und uns andererseits für die weitere Zusammenarbeit unter den Partnern der Organisationen aus der Grundversorgung zur Konkretisierung der Massnahmen engagieren. Das wird unsere höchste Aufmerksamkeit und viel Arbeit benötigen.
Auch wenn es ein Blick in die Glaskugel bedeutet: Wo steht die Haus- und Kinderarztmedizin aus Ihrer Sicht in 20 Jahren?
Schwierig. Eigentlich möchte ich gar nicht in die Glaskugel blicken. Klar habe ich Hoffnungen und Visionen – für diese setze ich mich bei mfe ein. Aber mit der Hoffnung ist es so eine Sache – wenn nicht alles wie gewünscht läuft, kann es sehr schnell zu schmerzhafter Enttäuschung und Ärger kommen. Ich versuche mir realistische und erreichbare Ziele für die nächsten paar Jahre vorzustellen; Ziele, die im Verlauf adaptiert werden können. Wo das dann in 20 Jahren hinführt, lasse ich mich überraschen.
Gibt es ein ganz persönliches Anliegen Ihrerseits zum Thema Nachwuchs?
Ich wünsche mir, dass der ärztliche Nachwuchs eine möglichst breite und ganzheitliche Aus- und Weiterbildung geniessen darf – und dazu gehört meiner Ansicht nach deutlich mehr ambulante Grundversorgung! Hier wird ein Grossteil der Zeit sinnstiftend direkt an der Patientin und am Patienten geleistet. Zudem wird durch die längerfristigen Beziehungen zu den Patientinnen und Patienten und der beschränkten Fragmentierung ein humanistisches Menschenbild gefördert, was sowohl für die Patientinnen und Patienten wie für die Ärztinnen und Ärzte eine Bereicherung ist und hoffentlich vielen Ärztinnen und Ärzten mehr Lust auf eine Weiterbildung zur Haus- oder Kinderärztin oder -arzt macht!
Sandra Hügli-Jost, Kommunikationsbeauftragte
mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
sandra.huegli[at]hausaerzteschweiz.ch