Kochen mit Reis oder «Der Weg zum Facharzttitel Allgemeine Innere Medizin»
Wegleitung zum Facharzttitel

Kochen mit Reis oder «Der Weg zum Facharzttitel Allgemeine Innere Medizin»

Themenschwerpunkt
Ausgabe
2024/05
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1408794256
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(05):143-144

Affiliations
In Weiterbildung, Allgemeine Innere Medizin und Onkologie, Bern

Publiziert am 08.05.2024

Eine Wegleitung zum Facharzttitel Allgemeine Innere Medizin zu verfassen ist in etwa so, wie wenn der Anspruch bestehen würde, ein allgemein gültiges Rezept für «das Abendessen auf Reisbasis» zu erstellen. Schlussendlich ist es so, dass sowohl bei einem Milchreis mit Pflaumenkompott als auch bei einem Fried Rice mit Garnelen die Basis dasselbe ist, jedoch würde wohl niemand in einem Restaurant das eine Gericht mit dem andern kommentarlos ersetzen.
Eine Spitalfachärztin mit einer akademischen Karriere vor sich, die eine internistische Abteilung betreut hat jedoch auf Papier denselben Abschluss wie ein Hausarzt in einer Praxis in Arosa, sprich, ein Rezept muss für beide gültig sein. Und Gemeinsamkeiten in der Ausbildung haben Sie auch. Als Veranschaulichung dient dazu auch die von der SGAIM erstellte Grafik zum Erlangen des Facharzttitels.
Der Weg zum Facharzttitel AIM.
© SGAIM
Der Grundsatz, dass dieser wunderbare Facharzttitel so breit ausgelegt ist, ist gut. Aber: Der Besagte Hausarzt in Arosa wird dankbar auf sein Jahr Chirurgie/Orthopädie zurück schauen, wenn die Sportsaison beginnt, die Internistin am Unispital hingegen wird wohl eher selten die Fraktur ohne Konsilium der schneidenden Kolleginnen und Kollegen selbstständig auf der Station behandeln. Umgekehrt kommt ihr die vertiefte kardiologische Ausbildung bei der Kardioversion auf Station wohl eher zu gute als dem Hausarzt und dieser muss auch nicht für einen Hintergrunddienst für eine IMC den Medikationsalgorithmus für einen kreislaufinstabilen Patienten morgens um drei Uhr aus dem Ärmel schütteln können. Dennoch haben die beiden Gemeinsamkeiten in ihrem Fähigkeitsspektrum, genauso wie bei jedem Reisgericht gilt: Den Reis nicht ins kochende Wasser geben, Salz mit Bedacht anwenden, die Körner nicht verkochen lassen. So lassen sich auch bei einer Wegleitung zu diesem Facharzttitel einige Grundsätze festhalten (Die natürlich diskutiert werden können).
  1. Logbuch anlegen. Einer der ersten Schritte sollte die Eröffnung dieses Tools sein und es soll diszipliniert nachgeführt werden. Kaum etwas ist so frustrierend, wie kurz vor dem Einreichen des Facharzttitelgesuches zu realisieren, dass da noch eine Bestätigung einer Anstellung fehlt, die damalige Chefin ist zwischenzeitlich aber leider pensioniert. Es ist quasi das Vorbereiten und kontinuierliche Aufräumen der Küche während des Kochens.
  2. Sich um seine A-Jahre kümmern. Mindestens 12 Monate in der Weiterbildung müssen an einer grossen Klinik absolviert werden. Diese Stellen gehören zu den wenigen Flaschenhälse in der Weiterbildung zur allgemeinen Inneren Medizin. Mit der Zentralisierung der Medizin und dem damit einhergehenden Wegfallen vieler Kliniken, die A-Status hatten, wird dieser Flaschenhals noch enger werden. Eine A-Stelle ist in der Regel nichts, was man von heute auf Morgen bekommt. Wenn viele Köchinnen und Köche in einer Küche arbeiten, es aber eine begrenzte Anzahl Herdplatten zur Verfügung hat, lohnt es sich, diese rechtzeitig zu reservieren.
  3. Eine solide Basis erarbeiten. Direkt nach dem Staatsexamen an einer grossen Uniklinik zu beginnen ist nicht falsch, dennoch lohnt es sich sicherlich, sich die Grundlagen der Inneren Medizin in einem Haus anzueignen, in welchem zwar nicht ein rarer Fall nach dem andern behandelt wird und man sich vor lauter Fallpublikationen nicht mehr retten kann, man dafür lernt, wie eine Blutdruckentgleisung zu behandeln ist, eine Exazerbierte COPD angegangen werden kann und welche Medikamente man bei der Niereninsuffizienz anpassen sollte. Sich direkt in den Gault Millau Tempel der Molekularküche zu begeben, wenn man kaum eine Zwiebel schneiden kann, ist auch nicht immer der vielversprechendste Weg. Ein Sushi-Koch lernt erst mal sechs Monate den Reis zu waschen und auch nicht am ersten Tag, den Fugu anzubraten. Sprich: In einem kleinen Spital mit einem interdisziplinären Notfall zu starten, ist sicher eine gute Wahl.
  4. Die Fähigkeitstitel nicht erst nach dem Facharzttitel anschauen. Die Berechtigung, manuelle Medizin anbieten zu können oder in der Praxis dosisintensiv röntgen zu dürfen, die erweiterte Sonographie oder eine Sprechstunde in Sportmedizin anbieten zu können, ist an Fähigkeitstitel geknüpft. Sich im Verlauf seiner Weiterbildung darum zu kümmern ist sicher ein guter Ratschlag, weil man sich Weiterbildungsstellen suchen kann, in einem Rahmen welcher ein Mentoring in diesen Bereichen anbieten wird. Nach dem Start als Hausärztin oder Hausarzt, als Oberärztin oder Oberarzt im Spital wird es nicht einfacher, sich Zeit für diese Zusatzausbildungen zu schaffen. Jeder Koch mit Interesse an der französischen Spitzenküche tut gut daran, im Laufe seiner Wanderjahre mal in Paris gekocht zu haben.
  5. Die schriftliche Facharztprüfung: Grundsätzlich kann diese ab dem Erlangen des Arztdiplomes abgelegt werden. Es handelt sich um eine Multiple-Choice Prüfung, Prüfungstermine sind zwei Mal pro Jahr. Dennoch ist der Rat, die Prüfung erst nach zwei bis drei Jahren Praxiserfahrung abzulegen sicher nicht falsch. Natürlich kann das benötigte Wissen auch aus Büchern gelernt werden, die Prüfungsfragen sind jedoch so gestaltet, dass viel Fragen mit der Reflexion «Wie haben wir das damals auf der Station gemacht?» gut beantwortet werden können. Über Modalität (und Kosten) der Prüfung kann gestritten werden, aber aus der Empirie kann doch gesagt werden: Die Fragen sind fair und mit etwas praktischer Erfahrung ist viel zu holen. Für den ganz frischen Koch ist die Frage, welcher Schritt bei der Zubereitung des Soufflés ganz besonders heikel ist, vielleicht noch mit viel Überlegung verbunden, wenn man mal selber drei bis vier davon zubereitet hat, ist die Beantwortung fast selbstverständlich und intuitiv.
  6. Nicht die Illusion haben, dass vom ersten Tag an die ganze Laufbahn in Stein gemeisselt sein muss. Nimmt sich jemand vor, ein Abendessen mit Reis zu kochen, kann ruhig mit der Idee des einen Rezeptes begonnen werden. Wenn sich im Verlauf des Kochens aber herauskristallisiert, dass man anstelle des ursprünglich geplanten Risottos eigentlich viel mehr Lust hat, den Reis zu Kroketten weiter zu verarbeiten, ist die Vorarbeit nicht für Nichts gewesen, sondern trotzdem wertvoll. Keine Ausbildung ist retrospektiv für nichts.
  7. Sich seines Wertes bewusst sein. Wer sich für den wunderbaren Beruf der allgemeinen Inneren Medizin entscheidet, ist gefragt. In jeder Ausbildungsstufe. Ein Arbeitsverhältnis ist immer ein geben und nehmen. Ein nicht gesetzeskonformer Arbeitsplan muss nicht akzeptiert werden und wenn eine versprochene Rotation auf die gewünschte Station immer und immer wieder verschoben wird, darf auch man auch mal auf die Barrikaden gehen und sein Recht einfordern. Und im äussersten Fall eine Stelle auch kündigen, als Internistin oder Internist stehen immer andere Türen offen. Wenn eine Köchin oder ein Koch in ihrer oder seiner Ausbildung nach einem Jahr immer noch ausschliesslich Kartoffeln rüsten muss, ist es wohl Zeit, dass sich das Restaurant jemanden Neues sucht.
Diese Wegleitung ist sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss und nicht absolut. Und genau so wie es gleich viele beste und einzig wahre Rezepte für Falafel wie es libanesische Grossmütter gibt, gibt es vermutlich unzählige gute Ansätze zum Zusammenbrutzeln eines guten internistischen Curriculums. Über Meinungen, Ratschläge und auch empörte Zuschriften zu diesem Thema freut sich die Redaktion wie immer ausgesprochen.
Manuel Schaub
Fährstrasse 42b
CH-3004 Bern
manuel.schaub[at]hin.ch
© SGAIM