Ein praktischer Leitfaden
Christine Roten, Martin Perrig: «Die oberärztliche Tätigkeit – eine neue Herausforderung»

Ein praktischer Leitfaden

Themenschwerpunkt
Ausgabe
2024/05
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1408160839
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(05):152

Affiliations
Universität Luzern, Fakultät für Gesundheits­­wissenschaften und Medizin. Luzern

Publiziert am 08.05.2024

Christine Roten, Martin Perrig: Die oberärztliche Tätigkeit – eine neue Herausforderung
Hogrefe AG, 2021
216 Seiten
Preis: 34,50 CHF.
ISBN 978-3-456-86145-6
«Die oberärztliche Tätigkeit – eine neue Herausforderung» ist ein 2021 erschienenes Buch, welches sich gemäss Selbstbeschreibung im Untertitel anschickt, «ein praktischer Leitfaden» zu sein. Es hat diesen Titel verdient.
Im Jahr der Veröffentlichung ihres Buches im Hogrefe Verlag, wurde der Autorin Christine Roten und dem Autor Martin Perrig der SGAIM Teaching Award verliehen, welcher ihr aussergewöhnliches Engagement in der Aus- und Weiterbildung im Bereich der Allgemeinen Inneren Medizin würdigt. Erkenntnisse dieses langjährigen Engagements fanden Einzug in das hier besprochene Buch. In einer eigenen Studie konnten sie belegen, dass der Übergang von der Assistenz- zur Oberärztin oder zum Oberarzt von den Betroffenen als herausfordernd und teils als belastend empfunden wird. Das Buch wendet sich dementsprechend an Ärztinnen und Ärzte, die sich vor einem Wechsel in die oberärztliche Funktion befinden oder diesen Schritt bereits hinter sich haben. 
Das Buch ist etwa gleichmässig in einen klinischen und in einen nicht-klinischen Abschnitt unterteilt. Während es im klinischen Teil um fachspezifische, «medizinische» Inhalte geht, werden im nicht-klinischen Teil Themen wie Leadership und Feedback, Teaching oder rechtliche Aspekte in der Patientenbetreuung behandelt. 
Im ersten Kapitel, der effektiven, patientenzentrierten Kommunikation, werden Techniken erläutert, welche Kommunikation erleichtern und emotional aufgeladene Situationen entschärfen oder bei der Informa­tionsvermittlung helfen können (z.B. «blaming-myself»).
Der Abschnitt zu Herausforderungen in Akutsituation illustriert einige zentrale Krankheitsbilder, mit welchen man im Notfall ­konfrontiert sein kann. Die Tabellen können als Referenz dienen (z.B. Differentialdiagnose Kopfschmerzen) und die angegebenen Quellen weitere Hintergrundinformationen zu den einzelnen Symptomkomplexen liefern. Im Kapitel «Infektiologische Prinzipien» hat Sonja Bertschy einige prägnante Tipps festgehalten. Einen relativ grossen Abschnitt bildet das ­Kapitel zum Thema Punktionen, wobei neben Indikationen, Kontraindikationen und Komplikationen auch auf die Interpretation der Punktatergebnisse eingegangen wird. Zur Veranschaulichung sind jeweils Links mit Instruktionsvideos zur Durchführung angegeben. Multimorbidität, Medikamentenverordnungen und Palliativmedizin sind andere Themen im klinischen Abschnitt. 
Der zweite Teil beginnt mit dem kurzen Kapitel «Leadership» und was Leadership in der oberärztlichen Funktion bedeutet. Kapitel 9 widmet sich Feedback, wie es strukturiert gegeben werden kann, was Feedback von Bewertung unterscheidet oder wie schwierige Feedbackgespräche vorbereitet werden können.
Die Themen Qualitätssicherung und -management werden kurz angerissen und die akkurate Dokumentation und die Wichtigkeit des Berichtswesens diskutiert (verspätete Berichte werden mit höherem Risiko für Wiedereintritte assoziiert!). Zum Teaching werden Ideen vermittelt, wie niederschwellig im klinischen Alltag Lernsituationen eingebaut werden können. Selfmanagement und Burnout, sowie entsprechende Risiko- oder Schutz­faktoren werden ebenfalls thematisiert. Weitere Kapitel befassen sich mit erfolgreichem ­Auftreten und Präsentieren, evidenzbasiertem Arbeiten, Finanzierungsfragen im Gesundheitswesen sowie rechtlichen Grundlagen.
Die Aufteilung des Buches ist sinnvoll, die Sprache verständlich, die einzelnen Kapitel mit ihren Unterpunkten übersichtlich. Der fachspezifische Teil zu Beginn bietet einen guten Überblick, kann jedoch die vielfältigen Ressourcen, welche man bereits als Assistenzärztin und Assistenzarzt kennengelernt hat und nutzt, nicht ersetzen – wobei dieser Anspruch auch nicht erhoben wird. 
Der umfangreiche Teil zu den Punktionen kann gut als Nachschlagewerk verwendet werden.
Schlüsselkompetenzen, welche im zweiten Teil des Buches vermittelt werden sollen, sind häufig abstrakter und kontextabhängiger als die technischen oder fachspezifischen Fähigkeiten. Wenn auch es ungleich schwieriger ist, sich diese Kompe­tenzen vor dem «Praxistest» anzueignen, ist es doch sinnvoll die bevorstehenden Anfor­derungen zu kennen.
Diese sind von den Autoren klar formuliert und übersichtlich dargestellt. Damit schafft das Buch Verständnis für die neuen Aufgaben.
Fazit: Das Buch soll den Einstieg in die neue Funktion erleichtern und praxisnah Orientierung geben. Die Inhalte für eine internistische oberärztliche Tätigkeit sind anwendungsorientiert zusammengefasst. So oder so bleibt die neue Funktion eine Herausforderung, in die man durch Praktizieren, Selbst­reflexion und eingeholtes Feedback hineinwächst – und durch den gelegentlichen Griff zu diesem Buch.
Dr. med. Michael Boch
Universität Luzern
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