Tag der Kranken 3. März 2024

«Zuversicht stärken»

News
Ausgabe
2024/02
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1360090265
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(02):27-28

Affiliations
Leiterin Geschäftsstelle Tag der Kranken

Publiziert am 07.02.2024

Das Beste vorweg: Wir haben in der Schweiz eine gute medizinische Versorgung – sei es für die physische oder die mentale Gesundheit. Weltweit gesehen rangiert das Schweizer Gesundheitssystem auf einem Spitzenplatz. Trotzdem ist es nicht immer und in jeder Situation möglich, sofort die geeigneten Massnahmen und Unterstützung zu erhalten, weil beispielsweise Therapieplätze fehlen oder zu wenig Personal vorhanden ist. Die Zeichen deuten zudem darauf hin, dass sich dies noch zuspitzt und das Wort Mangel noch präsenter wird in der öffentlichen Diskussion. Wie gelingt es Gesundheitsfachpersonen und Menschen mit chronischen Krankheiten angesichts dieser Ausgangslage, den Mut nicht zu verlieren? Wir gehen mit dem Motto 2024 «Zuversicht stärken» auf Spurensuche. Ein wichtiges Puzzleteil, um dem Mangel zu begegnen, ist das gute Zusammenspiel aller Akteure, wie wir dieses beim Tag der Kranken spüren, dem mittlerweile 39 Organisationen angehören.
Wie bereits in den letzten Jahren haben wir Fachpersonen sowie Betroffene, als Expertinnen und Experten aus Erfahrung, eingeladen, ihre Gedanken zum Motto «Zuversicht stärken» mit uns zu teilen. Wir haben für Sie die aus Sicht Kinder- und Hausarztmedizin interessantesten Aussagen zusammengefasst.

Gut versorgt – auch im Mangel

Allgemein lässt sich sagen, dass Mangellagen im Gesundheitswesen vorhanden und nicht nur für die Fachpersonen, sondern auch für die Patientinnen und Patienten spürbar sind – sei es bei den Haus- sowie Kinderärztinnen und -ärzten, beim Pflegepersonal, im Spital, im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie oder bei den Medikamenten. Es hat sich aber ebenfalls in den Gesprächen gezeigt, dass wir trotz der diversen Mängel immer noch ein sehr gutes Gesundheitswesen haben. So relativiert Cristina Galfetti, die selbst von Rheuma betroffen ist und Mitglied im Expertenbeirat der SPO: «Der Mangel ist etwas, was wir uns in der Schweiz nicht gewohnt sind und alles was wir nicht kennen, macht grundsätzlich Angst und Sorgen. In der Schweiz haben wir es verglichen mit dem Ausland aber immer noch gut.» Die Hausärztin Dr. med. Monika Reber ergänzt: «Ja, es wird anders werden, was aber nicht unbedingt schlechter sein muss. Unsere Aufgabe als Gesundheitsfachpersonen ist es, diesen Wandel zu begleiten. Wichtig ist, das Gute zu retten, aber auch gewisse Dinge zu hinterfragen und die Prioritäten richtig zu setzen.» Der Verwaltungsratspräsident der Helsana, Prof. Dr. med. Dr. iur. Thomas Szucs beruhigt und erklärt: «Unsere Krankenkassen sind gut aufgestellt, unter anderem auch, weil es gesetzlich vorgegeben ist, dass sie Reserven haben für die Finanzierung der Leistungen. Die Patientinnen und Patienten können also darauf vertrauen, dass sie im Krankheitsfall medizinische Hilfe erhalten.»

Chance für neue Modelle und Innovation

Beim Thema Fachkräftemangel geht es immer auch um betriebswirtschaftliche Fragen und Effizienz. Für Thomas Szucs ist klar, dass man die Zeit bei den Patientinnen und Patienten nicht zu stark kürzen darf. Er sieht jedoch Möglichkeiten mit dem Einsatz neuer Technologien, zum Beispiel mit dem «Hospital at home», wie es das Spital Zollikerberg oder Spitexorganisationen in Genf und in der Waadt anbieten, mit Konsultationen per Zoom oder indem online sichtbar ist, wie lange die Wartezeit auf den einzelnen Notfallstationen und bei Permanencen ist, damit die Leute auf Alternativen ausweichen bei grossen Überlastungen. Dr. med. Christine Fischer, die als Oberärztin auf dem Notfall des GZO Wetzikon arbeitet, findet, dass man mit der digitalen Zeit auch neue Berufsmodelle ausprobieren müsse. Sie begrüsst das Pilotprojekt von Schutz und Rettung Zürich, Menschen ambulant zu behandeln, damit nicht immer alle ins Spital mitgenommen werden müssen. Auch findet sie gut, dass Pflegefachpersonen, Apothekerinnen und Apotheker sowie MPA neue Zusatzfunktionen übernehmen.

Interprofessionelle Zusammenarbeit wirkt sich positiv aus

Die Dinge seien komplexer geworden und es brauche eine neue Teamarbeit. «Es gibt im Moment viele Diskussionen, wie man unter den verschiedenen Gesundheitsberufen zusammenarbeiten kann, ebenso wie mit anderen Bereichen. Ich denke da an das Bildungs- und Sozialwesen. Dort gibt es zum Beispiel Schnittstellen im Bereich Prävention. Zudem gilt es auch die Wirtschaft ins Boot zu holen und Umweltthemen anzugehen. Denn Krankheiten haben viel mit Lebensumständen und Bildung zu tun», sagt Dr. med. Monika Reber, die sich ebenfalls im Vorstand von mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz engagiert. Es gehe darum, die Möglichkeiten bewusst auszuloten, wer was leisten könne. Der Nidwaldner Gesundheits- und Sozialdirektor, Regierungsrat Peter Truttmann erklärt es so: «Es braucht eine erweiterte, integrierte Gesundheitsversorgung. Dazu gehören für mich auch die Alters- und Pflegeheime, die Spitex, die Apotheken, die Drogerien und alle anderen in der Gesundheitskette. Wenn wir miteinander arbeiten, gewinnen am Schluss alle.» In Basel hat die Kinder- und Jugendpsychiatrie, weil sie so überlaufen war, bereits entsprechende Massnahmen umgesetzt und arbeitet seit der Pandemie noch stärker mit dem schulpsychologischen Dienst, dem Kinder- und Jugenddienst, dem Jugendamt sowie der Familien- und Erziehungsberatungsstelle zusammen. So wurden gemeinsam Gruppenangebote für Jugendliche und Eltern aufgebaut und es wird vernetzt gearbeitet sowie gezielt geschaut, wer von den psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen wo am besten aufgehoben ist. Denn heute werden Jugendliche, was die psychische Gesundheit anbelangt, schneller symptomatisch und die Eltern sind stärker verunsichert als früher.

Gesundheitskompetenz stärken bei Kindern und Erwachsenen

Immer wieder bestätigt haben die Interviewten, dass viele Menschen unsicher sind, ob und wann sie zur Ärztin/zum Arzt gehen oder sich psychologische Unterstützung holen sollen. Tendenziell werde heute eher zu früh ein ärztlicher Dienst aufgesucht. Um hier wieder eine bessere Balance zu finden, den Menschen Sicherheit zu geben und das Gesundheitswesen zu entlasten, wäre es hilfreich, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gezielt zu stärken, zum Beispiel in der Schule, während der Mütter- und Väterberatung, aber auch im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. «Beispiele und Ansätze hierfür sind vorhanden, es fehlt jedoch eine gezielte, flächendeckende Umsetzung und Institutionalisierung», fasst Prof. Dr. med. Alain di Gallo, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, die Situation zusammen. Er berichtet vom Projekt «Irre normal», in dessen Rahmen ein Dreierteam – bestehend aus einer betroffenen Person (Peer), einer Mitarbeitenden vom Schulpsychologischen Dienst und jemandem von der Kinder- und Jugendpsychiatrie – Sekundarschülerinnen und -schüler aufklärt und Fragen beantwortet zum Thema psychische Gesundheit. Die Pädagogin und Expertin aus Erfahrung Patrizia Gisler erklärt, dass ihr genau das sehr geholfen hätte in ihrer Jugend. Sie macht sich dafür stark, dass bereits in der Unter- und Mittelstufe mit Kindern über Emotionen und den gesunden Umgang damit gesprochen wird. Dies würde Kindern helfen, Gefühle einzuordnen und zu erkennen, wie sie sich Hilfe holen können, zum Beispiel bei einer Heilpädagogin oder später bei einer Freundin. Aber auch im Bereich körperliche Gesundheit liesse sich noch einiges tun. Christine Fischer erklärt es so: «Wir merken immer wieder, dass kranke und gesunde Menschen bei Gesundheitsfragen verunsichert sind und dann beispielsweise mit Bagatellfällen in den Notfall kommen, Fieber nicht einordnen können oder Angst haben, Schmerzmittel einzunehmen.» Mit geeigneten Bildungsmassnahmen liesse sich die Situation entschärfen, ist sie überzeugt und nennt das Beispiel der Schulzahnpflege-Instruktorinnen und -Instruktoren, welches belege, wie wirksam solche Massnahmen seien, denn heute sei die Zahl der Kinder mit schlechten Zähnen auf einem tiefen Niveau. Dazu komme, dass viele Zugezogene ein anderes Gesundheitswesen kennen würden. Es gehe darum zu vermitteln, dass es in der Schweiz verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten gäbe bei leichten Fällen und beispielsweise die Apothekerinnen und Apotheker oder die Drogistinnen und Drogisten sehr gut ausgebildet und die Telefonberatungen auf einem guten Niveau seien.

Neue Bedürfnisse der Fachpersonen und der kranken Menschen berücksichtigen

Bei den Ärztinnen und Ärzten ist es spürbar, dass die Bevölkerung das Bedürfnis hat, zu Randzeiten einen Arztbesuch wahrzunehmen, damit der Termin besser mit der Arbeit vereinbar ist. Die Medizinerinnen und Mediziner ihrerseits wollen geregelte Arbeitszeiten und Teilzeitstellen. Damit die Quintessenz nicht die ist, dass nach Feierabend und an Freitagen die Notfallpraxen und -stationen überlaufen werden, braucht es Lösungen. Regierungsrat Peter Truttmann sagt dazu: «Wenn die Grundversorgung in den Dörfern passiert, sind wir viel schneller und haben weniger Spitaleintritte oder aufwändige Untersuchungen bei Spezialistinnen und Spezialisten.»

Kommunikation und neue Kommunikationsmittel als Chance

Monika Reber merkt, dass die Pandemie dazu geführt hat, dass sich neue Arten des Austausches etablieren konnten zwischen den Patientinnen und Patienten und den medizinischen Fachpersonen. Es gebe mehr Austausch per Telefon und per E-Mail. Die Beziehung müsse neu gestaltet werden, denn der elektronische Austausch habe nicht nur Vorteile, sondern auch Grenzen – diese gelte es auszuloten. Zuversicht entstehe durch Kommunikation und dass jemand die richtigen Fragen stelle, aber auch dadurch, dass Betroffene eine Fachperson an ihrer Seite hätten, die ihnen mit ihrer Präsenz, aber auch mit der therapeutischen Behandlung helfe. Nur brauche es manchmal Zeit, die richtige Person zu finden und den Mut als Patientin oder Patient, Neues auszuprobieren und solche Vorschläge mehrfach beim Arzt oder der Ärztin einzubringen, wenn dieser bzw. diese beim ersten Mal vielleicht nicht darauf eingehe oder gerade keine Zeit habe, erklärt Cristina Galfetti. «Bei uns bei der Arbeit sprechen wir viel, auch über die persönlichen Ressourcen. Man muss eine Akzeptanz entwickeln, dass man sich nicht spalten kann und jeder und jede so viel geben kann, wie er oder sie hat», sagt die Notfallmedizinerin Christine Fischer. Wichtig sei, dass man offen gegenüber Kolleginnen und Kollegen, aber auch gegenüber den Patientinnen und Patienten formuliere, wenn man aufgrund fehlender Ressourcen Wartezeiten habe oder Untersuchungen länger dauern würden. Ebenfalls wertvoll seien die neuen Telefonkonsultationen. Dort gebe es sogar Modelle, wo Krankenkassen oder Telefondienste Angestellte in anderen Ländern hätten, damit diese dort tagsüber arbeiten könnten und so bei uns die Nacht abdeckten.

Das, was gut läuft, nicht aus den Augen verlieren

Vor lauter Negativbotschaften übersieht man häufig das Naheliegende, nämlich dass vieles gut läuft. So haben 80 Prozent der jungen Menschen normale Probleme, meistern ihre Herausforderungen und Krisen, gehen ihren Weg und benötigen keine spezielle Hilfe. Und Alain di Gallo ergänzt: «Trotz sehr knapper Ressourcen ist es uns gelungen, die Notfall- und Krisensituationen in den meisten Fällen gut zu behandeln, auch wenn der Aufwand dahinter riesig war.» Patrizia Gisler erklärt, es gehe immer auch darum, die kleinen Fortschritte zu sehen. So spürt Monika Reber, dass dank der Anstrengungen, die Hausarztmedizin besser im Studium und in der Weiterbildung zu integrieren, das Interesse daran gestiegen ist. Viele sähen zudem die Attraktivität des Berufes: Man könne Langzeitbeziehungen mit den Patientinnen und Patienten aufbauen, es sei vielfältig, der Administrationsteil der Arbeit sei kleiner als im Spital und man könne durch die selbständige Berufsausübung und in Gruppenpraxen der für die junge Generation so wichtigen Work-Life-Balance besser gerecht werden als im Spital, erklärt sie.

Wer wir sind

Der «Tag der Kranken» ist ein gemeinnütziger Verein, der 1939 gegründet wurde. Die 39 Mitglieder des Vereins sind sowohl Patientenorganisationen als auch Gesundheitsligen, Fachverbände wie mfe, die Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) und andere im Gesundheitswesen tätige Vereinigungen und Verbände. Der «Tag der Kranken» sensibilisiert die Bevölkerung einmal pro Jahr zu einem besonderen Thema aus dem Bereich Gesundheit und Krankheit. Er will dazu beitragen, Beziehungen zwischen Kranken und Gesunden zu fördern, Verständnis für die Bedürfnisse der Kranken zu schaffen und an die Pflichten der Gesunden gegenüber kranken Menschen zu erinnern. Zudem setzt er sich für die Anerkennung der Tätigkeiten all jener ein, die sich beruflich und privat für Patientinnen und Patienten sowie für Kranke engagieren. Der Verein finanziert sich über Mitgliederbeiträge und Spenden. Spendenkonto: IBAN CH24 0900 0000 8918 7572 0
Links zu Hilfsangeboten und Literaturhinweise finden kranke Menschen und Angehörige auf unserer Website www.tagderkranken.ch in der Rubrik Service.
Sandra Hügli-Jost
Kommunikationsbeauftragte
mfe Haus- und Kinderärzte
Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
Sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch