Das Erbe des Patriarchen
Miniaturen vom Landarzt

Das Erbe des Patriarchen

Reflexionen
Ausgabe
2024/03
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1331894544
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(03):80

Publiziert am 06.03.2024

Der alte Bauer war dem Landarzt ein Vorbild, eine Art Naturphilosoph, gescheit und belesen und dabei erstaunlich offen und humorvoll. Er war viel älter geworden als er je gedacht hatte. Eine Operation der Aortenklappe hatte er mit 82 Jahren gut überstanden. Dies trotz seines «schitteren» Herzens, wie er immer betonte. Nun hatte er mit über neunzig Jahren genug gelebt. Es war alles geregelt. Der Sohn führte den Bauernbetrieb, die drei Töchter wohnten in der Nähe. Wenn ich die Kinder fragte, wie es ihrem Vater gehe, lachten sie und meinten, er sei trotz der Bise wieder stundenlang auf dem Acker gewesen. Er habe wieder einmal probiert unter dem freien Himmel zu sterben, aber es gehe halt nicht alles nach seinem «Grind». Ein paarmal musste der Hausarzt notfallmässig vorbei, weil der Alte Wasser auf der Lunge hatte und dann ging es gegen Schluss für eine kurze Zeit ins Pflegeheim. Am Sterbebett waren sie dann alle versammelt und natürlich waren sie traurig, aber auch gelassen und etwas wie eine stille Heiterkeit herrschte im Raum. Eine seltene, tröstliche Stimmung. Das war das Erbe des Patriarchen!
Edy Riesen
Edy Riesen
edy.riesen[at]gmx.ch