Nachwuchs? Nachwuchs!

Nachwuchs? Nachwuchs!

Editorial
Ausgabe
2024/05
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1326057853
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(05):113

Publiziert am 08.05.2024

Wir wissen es schon lange. Der Fachkräftemangel und Nachwuchsprobleme in der medizinischen Grundversorgung, haben zu lange im Schatten von Kostendiskussionen im Gesundheitswesen gestanden. Die Fakten zum sich abzeichnenden Mangel bei den Haus- und Kinderärztinnen und -ärzten sowie den Pflegenden wurden zu lange ignoriert. Die letzten Jahre haben uns die hohe Qualität, aber auch die Grenzen unseres Gesundheitswesens aufgezeigt. Gute Infrastruktur, beste Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten nützen uns nichts, ohne genügend qualifizierte Fachkräfte am richtigen Ort. Die Abhängigkeit unseres Gesundheitssystems von dem Ausland ist riesig, tendenziell nach wie vor zunehmend und ethisch sehr fragwürdig. Verbessern die Herkunftsländer der zugewanderten Ärztinnen und Ärzten ihre Arbeitsbedingungen, wird es die Schweiz auf dem linken Fuss erwischen – die Folgen für unsere Gesundheitsversorgung mag ich mir gar nicht ausmalen.
Die Haus- und Kinderarztmedizin kämpft seit mindestens 25 Jahren um ihr Image, um ihren Platz an den Universitäten und um eine praxisspezifische Weiterbildung. Erst jetzt, wo der Mangel spürbar ist, wird die Bedeutung der Grundversorgung breit wahrgenommen. Dies unter anderem, weil der Fachkräftemangel in der ambulanten Grundversorgung die an und für sich sinnvolle Verlagerung von stationär zu ambulant bremst, und weil die Kosten steigen und uns zu einer Gesamtschau der Entwicklung des Gesundheitswesens zwingen. Der Masterplan Hausarztmedizin, ein bundesrätliches Massnahmenpaket, welches von Bundesrat Berset als Gegenvorschlag zu Hausarztinitiative initiiert wurde, hat uns mit dem Sonderprogramm Humanmedizin zwar 500 zusätzliche Studienplätze, die Weiterentwicklung der akademischen Hausarztmedizin an den Universitäten und last but not least, den «Hausarztzuschlag» im Tarif gebracht. Doch der Realitätscheck zeigt deutlich auf: Das alles reicht nicht! Wir brauchen mindestens 500 Ärztinnen und Ärzte mehr und mindestens 50% aller Studienabsolventinnen und -absolventen müssten für die ambulante Grundversorgung begeistert werden. Dazu braucht es eine klare und verbindliche Förderung der ambulanten Haus- und Kinderarztmedizin in Studium und Weiterbildung sowie endlich attraktive Rahmenbedingungen mit einem sachgerechten und zeitgemässen Tarif, insbesondere auch für unsere interprofessionellen Partnerberufe, ohne die wir die ambulante Grundversorgung nicht stemmen können. Für die künftige Versorgung werden wir alle Berufe benötigen, die entsprechende Kompetenzen und Erfahrungen in der Grundversorgung haben. Aber auch hier gilt: Schnelle Lösungen wird es nicht geben, sowohl die medizinischen Praxisassistierenden wie die Pflegenden und die Apothekerinnen und Apotheker beklagen Fachkräftemangel. Ein smartes Task-Sharing, welche sich an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten orientiert und wo jeder seine Kompetenzen bestmöglich eingeben kann, wird gefragt sein.
Politik und Verbände sind gefordert, mit raschen Impulsen und Verbindlichkeiten die Weichen und Prioritäten richtig zu stellen. Die neue Gesundheitsministerin Elisabeth Baume Schneider hat die Zeichen der Zeit erkannt und an der nationalen Gesundheitskonferenz 2030 in ihrer ersten öffentlichen Rede zum Gesundheitssystem die Stärkung der Grundversorgung zur ersten Priorität erklärt und die Idee eines Masterplanes Grundversorgung lanciert. Dieses Statement freut uns sehr und wir werden sicher Hand bieten für die Erarbeitung nachhaltiger Lösungen. Eine erste Nagelprobe für die Ernsthaftigkeit der Förderung der ambulanten Grundversorgung stellt die BFI-Botschaft 2024–28 dar. Hier werden knapp 30 Milliarden Förderungsgelder für nachhaltige Bildung, Forschung und Innovation verteilt. Das Parlament wird es in der Hand haben, klare Verbindlichkeiten für die Verteilung der Gelder zu fordern – damit es nicht bei gut gemeinten Absichtsbekundungen bleibt, sondern notwendige Veränderungen ermöglicht werden. mfe wird sich tatkräftig dafür einsetzen!
Monika Reber Hausärztin in Langnau i.E., ­Vorstandsmitglied mfe
Sandra Hügli-Jost, mfe
Kommunikationsbeauftragte
mfe Haus- und Kinderärzte
Schweiz
Geschäftsstelle
Effingerstrasse 2
CH-3011 Bern
sandra.Huegli[at]hausaerzteschweiz.ch