Braucht es noch Hausarztkongresse? Oder - warum jedes Jahr Arosa?
Ein Kongress aus der Praxis für die Praxis

Braucht es noch Hausarztkongresse? Oder - warum jedes Jahr Arosa?

Reflexionen
Ausgabe
2024/01
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1314096377
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24(01):23-24

Publiziert am 21.12.2023

Es war vor rund 25 Jahren. Ich hatte soeben die über 360 Kurven nach Arosa hinter mich gebracht, auf dem Beifahrersitz des sportlichen Autos meines damaligen Assistenzarztkollegen, und mir war hundeelend. Meine Reisekrankheit, die Höhe, und darüber hinaus fühlte mich ziemlich verloren im Gewusel zwischen all den gestandenen Hausärztinnen und Hausärzten, welche den Kongress besuchten und fragte mich, was ich hier bloss verloren habe. Glücklicherweise habe ich mich dann doch rasch akklimatisiert, in jeder Hinsicht. Habe vieles gelernt, mitdiskutiert, Leute kennengelernt und mich schliesslich äusserst wohl und inspiriert gefühlt. Trotzdem hätte ich damals nie gedacht, dass ich jetzt, ein Vierteljahrhundert später Mitglied des Kongressvereins sein würde, zuständig für das Programm von genau diesem Kongress und für diese Veranstaltung unzählige Male nach Arosa reisen würde.
Wie ist es dazu gekommen? Was motiviert mich, mich hier zu engagieren? Warum denke ich, dass dieser Kongress noch immer wichtig und einzigartig ist?
Ein Kongress, der vor fast 50 Jahren gegründet wurde, als die Hausärztinnen und Hausärzte noch fast alle Hausärzte waren, die sich da irgendwo an einem hübschen Ort in den Bergen trafen, ihre Ehefrauen und Familien im Schlepptau, um sich ein bisschen fortzubilden, zu vernetzen und dazwischen auch noch ausgiebig die Berge und das Skifahren zu geniessen. All dies mutet doch unglaublich anachronistisch an. Insbesondere in Hinblick darauf, dass ich erstens eine Frau bin, zweitens mich mein Mann noch kein einziges Mal nach Arosa begleitet hat (für ihn als gebürtiger Berner und Nicht-Mediziner befindet sich Arosa schon fast auf einem anderen Stern...) und es drittens schon fast ein Jahrzehnt her ist seitdem ich das letzte Mal auf Skiern gestanden bin, ist es doch ziemlich erklärungsbedürftig, warum ich jedes Jahr Ende März in dieses exotische Bündner Bergdorf pilgere (immerhin weiss ich unterdessen, wie ich es anstellen muss, dass mir auf der Anreise nicht übel wird).
Nun ja, wie ist es dazu gekommen? Diejenige Frage, die immer am einfachsten und am schwierigsten zu beantworten ist. Die persönlichen Gründe sind der üblichen Verkettung von Zufällen geschuldet, deren Details für die Lesenden kaum von Interesse sind.
Viel interessanter jedoch die Frage, warum ich geblieben bin und mich aktiv für diesen Kongress engagiere. Und warum ich denke, dass dieser Kongress eine wichtige Funktion erfüllt und hoffentlich auch in Zukunft erfüllen wird.
Was mich schon vor einem Viertel Jahrhundert positiv überrascht und inspiriert hat in Arosa und es jedes Jahr wieder tut, ist die die familiäre und offene Atmosphäre. Kaum je bin ich an einer ähnlichen Veranstaltung mit so vielen mir noch unbekannten Sitznachbarinnen und Sitznachbarn so ungezwungen ins Gespräch gekommen wie hier. Kaum je wird in diesem Masse (inter)aktiv diskutiert in Workshops und sogar bei den Plenarvorträgen.
Eine vergleichbar ungezwungene und dynamische Stimmung herrscht bei den beiden jährlichen Treffen des Kongressbeirates, an denen jeweils das Programm für das kommende Jahr zusammengestellt wird. Ein Kongress aus der Praxis für die Praxis, respektive von Hausärztinnen und Hausärzten für Hausärztinnen und Hausärzten, heisst hier die Devise. Und zwar Hausärztinnen und Hausärzte querbeet. Ob jung oder alt, Frau oder Mann, in einer Einzel- oder Gruppenpraxis tätig, in der Stadt oder auf dem Land, selbständig oder angestellt, alle engagiert und motiviert, ein möglichst vielfältiges und praxisrelevantes Programm auf die Beine zu stellen. Ein Programm, das wirklich unseren Bedürfnissen im Praxisalltag und nicht irgendwelchen taktischen Interessen von Standesorganisationen oder Pharma entspricht. Da wir überzeugt sind, dass für eine umfassende Tätigkeit in der Grundversorgung auch Kenntnisse zum Bewegungsapparat (Traumatologie, Rheumatologie, usw.) sowie zu den «kleinen Fächern» enorm wichtig sind, landen auch solche Themen immer wieder im Programm, selbst wenn es aus diesem Grund immer wieder eine Herausforderung darstellt, genügend Kernfortbildungs-Credits zu erhalten. So üben wir uns jedes Jahr im Spagat, die Dinge zu thematisieren, welche uns im täglichen Praxisalltag beschäftigen und trotzdem die Anforderungen der SGAIM zu erfüllen. Bei jedem Workshop oder Plenarvortrag, sorgt eine hausärztliche Moderatorin oder ein hausärztlicher Moderator dafür, dass die Referierenden auf die für die Grundversorgung wirklich wichtigen Frage eingehen.
Dass wir ein verhältnismässig kleiner und unabhängiger Kongress sind, welcher keine standespolitische Dachorganisation hinter sich hat, macht gewisse Dinge wie beispielsweise Werbung etwas schwieriger, bietet aber auch grossartige Chancen und kreative Freiheiten. So experimentieren wir immer wieder mit neuartigen, interaktiven Präsentationsformaten, auch im Plenum. So dass beispielsweise verschiedene Fachvertretende gemeinsam und interaktiv eine medizinische Fragestellung aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Da wir realisiert haben, dass bei verschiedenen kontrovers diskutierten Themen in der Medizin, nicht nur wissenschaftliche Fakten, sondern auch Haltungen und Werte von wichtiger Bedeutung sind, ziehen wir seit ein paar Jahren bei einzelnen Vorträgen immer mal wieder einen Ethiker hinzu, der Gedankenanstösse aus seiner Perspektive beisteuert.
Ein sehr wichtiger Teil des Kongresses ist auch das Programm «FutureDocs». Im Rahmen dieses Nachwuchsförderungsprogrammes erhalten Medizinstudierende und Assistenzärzinnen und Assistenzärzte die Möglichkeit, kostenlos am Kongress teilzunehmen. Damit sie sich auch in den ersten Stunden nicht ganz so verloren fühlen, wie ich damals vor 25 Jahren, wird Ihnen teilweise ein separates Programm geboten, mit speziellen Workshops und einem gemeinsamen Nachtessen. Bei beidem steht der Austausch zwischen praktizierenden Grundversorgerinnen und Grundversorgern und dem Nachwuchs im Vordergrund. Etwas das nicht nur unsere jungen Kolleginnen und Kollegen, sondern auch uns «alte Hasen und Häsinnen» immer wieder inspiriert. So verleiht diese «Verjüngungskur» dem Kongress immer wieder eine zusätzliche, lebhafte Dynamik.
2020 mussten wir pandemiebedingt den Kongress kurzfristig absagen, was dazu geführt hat, dass wir ihn dann 2021 erstmalig virtuell durchgeführt haben. Da es bei einem Teil unserer Kolleginnen und Kollegen ganz offensichtlich einem Bedürfnis entspricht, online teilnehmen zu können (sicher auch aufgrund der aufwändigen Anfahrt), halten wir seither den Kongress in hybrider Form ab, primär als Präsenzveranstaltung, mit der alternativen Möglichkeit einer virtuellen Teilnahme. Natürlich auch in der Hoffnung, dass sich die eine oder der andere vom Geist von Arosa anstecken lässt, die weite Reise nach Arosa auf sich nimmt und persönlich vor Ort teilnimmt. Bereut wird es garantiert nicht. Neben dem vielfältigen Programm, den praktisch ausgerichteten Workshops und dem ungezwungenen Ambiente, welches neben dem Pflegen von bestehenden auch immer wieder das Knüpfen von neuen Kontakten ermöglicht, stellt das grandiose Bergpanorama einen zusätzlichen Bonus dar. Und zwar nicht nur für Skifahrerinnen und Skifahrer, wie ich unterdessen aus eigener Erfahrung bestätigen kann.
© Foto Homberger, Arosa
Vom 21. Bis 23. März 2024 findet der 47. Ärztekongress Arosa statt. Das wie jedes Jahr sehr praxisorientierte Programm, welches von Hausärztinnen und Hausärzten für Hausärztinnen und Hausärzte gestaltet wird, umfasst dieses Jahr unter anderem die Themen Müdigkeit in der Praxis, aktuelle bildgebende Verfahren, Update Dermatologie und Urologie. Das detaillierte Programm und die Möglichkeit zur Online-Anmeldung sind unter www.aerztekongress-arosa.ch zu finden.
Dr. med. Alexandra Röllin Odermatt
FMH Allgemeine Innere Medizin
Gemeinschaftspraxis Brunnmatt
Tscharnerstrasse 37
CH-3007 Bern
alexandra.roellin[at]hin.ch
FOTO HOMBERGER