Eine Evaluation
Peer-review

Kann ein einzelner Workshop für Studierende deren Einstellung zum Berufsziel Hausärztin/Hausarzt verändern?

Originalarbeit
Ausgabe
2023/12
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2023.1299922852
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2023;23(12):366-368

Affiliations
a Universität Bern, Berner Institut für Hausarztmedizin BIHAM, Bern, Schweiz
b Universität Exeter, College of Medicine & Health, Exeter, Vereinigtes Königreich

Publiziert am 06.12.2023

Abstract

Hintergrund: Die Attraktivität einer Karriere in der Hausarztmedizin muss weiter gesteigert werden. Mit dieser Studie galt es herauszufinden, ob ein einzelner Workshop einen Einfluss auf die Wahrnehmung von Studierenden in Hinblick auf eine hausärztliche Laufbahn hat.
Methodik: Ein halbtägiger Workshop zur Facharztweiterbildung am Beispiel der Hausarztmedizin wurde 2022 dreimalig mit Berner Studierenden im Wahlstudienjahr durchgeführt. Inhalte waren allgemeine Informationen zur Facharztweiterbildung am Beispiel der Hausarztmedizin, die Besprechung von verschiedenen Weiterbildungscurricula anhand von Fallbeispielen, Supportmöglichkeiten sowie das Thema Gleichgesinnte. Die Workshopevaluation erfolgte mittels online Umfragen vor und nach dem Workshop.
Resultate: Insgesamt haben 45 Workshopteilnehmer beide Umfragen ausgefüllt (96% Antwortrate). Die Intention für eine hausärztliche Karriere hat sich auf einer Likert Skala um 0.25 von 5 Punkten erhöht (p<0.01). Die wichtigsten Workshopinhalte und Gründe hierfür waren das Aufzeigen der Vielfalt und Möglichkeiten der Hausarztmedizin und die Möglichkeit, sich seinen Patientenstamm durch «Steckenpferde» und Fähigkeitsausweise oder Schwerpunkte zu formen.
Zusammenfassung: Unsere sorgfältig geplante, einmalige Intervention hat die Wahrnehmung einer Karriere in der Hausarztmedizin positiv verändert und die Attraktivität der Hausarztmedizin gesteigert.
Keywords: Hausarztmedizin, Workshop, Medizinstudierende, Berufsziel

Einführung

Dem auch in der Schweiz herrschenden Mangel in der Hausarztmedizin konnte durch Bemühungen in der Aus- und Weiterbildung bereits, wenn auch noch nicht ausreichend, entgegengewirkt werden [1-3]. Weitere Anstrengungen, vor allem im Studium, sind nötig, um die Attraktivität der Hausarztmedizin weiter zu steigern [2].
In Mentoringgesprächen anlässlich des Berner Curriculums für Allgemeine Innere Medizin [4] wurde uns wiederholt gesagt, dass Informationen zur Karriereplanung schon im Studium nützlich gewesen wären. Bei den Berner Hausarztpraktika lernen die Studierenden viel über die Tätigkeit der Hausärztinnen und Hausärzte, aber relativ wenig über den Weg in die Hausarztmedizin.
Kleine Interventionen zur Steigerung des Interesses einer Karriere im jeweiligen Fach, vor allem in Spezialfächern der Medizin, sind in der Literatur einige beschrieben [5–8], nicht aber für die Hausarztmedizin. Übersichtsstudien über verschiedene Einflussfaktoren auf die Wahl des Karriereziels von zukünftigen Hausärztinnen und Hausärzten sind ebenfalls gut dokumentiert [9–17]. Hier sind vor allem die Hausarztpraktika, im Idealfall longitudinal, und ein hausärztlicher Tutor oder eine hausärztliche Tutorin als starkes positives Rollenmodell wichtig. Die Aussicht auf eine sichere Arbeitsstelle wie auch gute Möglichkeiten für Familienkompatibilität und Work-Life-Balance spielen ebenso eine Rolle wie ein negatives Bild über die Hausarztmedizin kontraproduktiv sein kann.
Mit einem neuen Workshop für Studierende sollten diese Lücken an Informationen geschlossen werden. Ziel der vorliegenden Studie war es herauszufinden, ob sich die Wahrnehmung für eine Karriere in der Hausarztmedizin aufgrund eines solchen Workshops verändert.

Die Entstehung des Workshops

Bedarfsanalyse

Das erste Workshopkonzept wurde mit dem Feedback von drei kürzlich in die Praxis eingetretenen Jungärztinnen und drei Masterstudierenden der Universität Bern überarbeitet. Mit Interviews überprüften wir, ob die vorgesehenen Inhalte die Bedürfnisse der Studierenden abdeckten und ob sie die notwendigen Werkzeuge für den Praxiseinstieg erhielten (Beispielhafte Fragen aus den entsprechenden Interviews siehe online Appendix, Tab. A1). An einer Retraite des Teams «Lehre» vom Berner Institut für Hausarztmedizin wurden weitere Inputs von in der Lehre tätigen aber nicht in den Workshop involvierten Personen eingeholt und das Konzept des Workshops weiter verfeinert.

Der Workshop

Die Studierenden erhielten eine Woche vor dem Workshop eine Broschüre mit Detailinfos und Links zu den vorgesehenen Inhalten zugestellt.
Der zweieinhalbstündige Workshop gliederte sich in drei Teile (Tab. 1). Mit dem Inputreferat sollte das Wissen der Teilnehmenden angeglichen werden, um im interaktiven zweiten Teil verschiedene «ideale» Curricula anhand von drei Fallbeispielen (drei fiktive Personen in bestimmten Lebenssituationen und mit unterschiedlichen Zukunftsideen, privat wie beruflich) diskutieren zu können. Zu «Supportmöglichkeiten und Gleichgesinnte» sammelten die Studierenden Informationen aus dem Internet und in ausgelegten Flyern und stellten diese dann den Peers vor.

Evaluationsdesign

Die drei Workshops wurden Ende 2022 durchgeführt. Alle Berner Studierenden, welche im entsprechenden Monat ihr Hausarztpraktikum im Wahlstudienjahr (5./6. Studienjahr) absolvierten (n = 63) wurden per E-Mail zur Teilnahme eingeladen.
Für die Auswertung der quantitativen Fragen benutzten wir den T-Test, die Freitextantworten haben wir zusammengefasst.

Die Umfrage

Wir stellten in einem Brainstorming Evaluationsfragen zusammen, die uns für die Optimierung des Workshops hilfreich erschienen. Mittels Literaturrecherche wurde unser Fragekatalog weiter verfeinert [18–19]. Der Fragebogen wurde mit zwei Studentinnen des 4. Studienjahres pilotiert: Die Studentin sollte die Fragen live in einem Zoommeeting mit der Autorin beantworten und dabei laut denken. In Tabelle A2 in der online Appendix findet sich eine Übersicht über die Inhalte der beiden Umfragen.
Via SurveyMonkey (SurveyMonkey Inc. USA) wurde den Studierenden ein Link für die Umfragen vor dem Workshop zugesandt.
Die Umfragen nach dem Workshop wurden per QR-Code am Ende des entsprechenden Workshops von den Studierenden vor Ort online ausgefüllt.
Die Antwortmöglichkeiten waren entweder offen oder im Rahmen einer fünfstufigen Likert Skala mit nachfolgender Kommentarmöglichkeit zu beantworten.
Die Resultate hatten Einfluss auf den Inhalt und Aufbau nachfolgender Workshops (fehlende Inhalte wurden nach Möglichkeit ergänzt, überflüssige gestrichen, Änderung von Lehrformaten vorgenommen etc.).
Wir haben die Veränderung der Wahrscheinlichkeitscores einer hausärztlichen Karriere vor und nach dem Workshop gemessen und erfragt, was die Wahrnehmung einer hausärztlichen Karriere allenfalls beeinflusst hat (offene Fragen). Auch haben wir die Erreichung unserer Lernziele (Veränderung der Selbsteinschätzung der Kompetenz im entsprechenden Lernziel auf einer fünfstufigen Likert Skala vor und nach dem Workshop) und die Weiterempfehlungsrate des Workshops an Kolleginnen und Kollegen auf einer fünfstufigen Skala gemessen.

Resultate

Insgesamt haben 47 Studierende an den drei Workshops teilgenommen, davon haben 45 beide Umfragen ausgefüllt. Tabelle 2 zeigt die Eigenschaften der Evaluationspopulation.
Die Anzahl Teilnehmende mit einer wahrscheinlichen oder sehr wahrscheinlichen hausärztlichen Karriere stieg von 10 auf 16. Die gemittelte Wahrscheinlichkeit einer hausärztlichen Karriere stieg von 2.75 auf 3 (p = 0.01).
Bei 19 Teilnehmenden (42%) veränderte sich die Haltung zu einer Karriere in der Hausarztmedizin durch den Workshop positiv. Die meistgenannten Gründe waren die Vielfalt (Weiterbildungsweg wie auch Beruf) und die Konkretisierung des Weges in die Hausarztmedizin (Tab. A3, online Appendix).
Bei der Frage, welche Workshopinhalte die Wahrnehmung einer Weiterbildung in der Hausarztmedizin verändert haben, wurden mit einer grossen Mehrheit (n = 10) die Fähigkeitsausweise und Schwerpunkte genannt, mit denen man sich zusätzlich zu den «Steckenpferden» sein Patientengut formen kann. Sehr geschätzt wurde auch das Aufzeigen der vielfältigen Wege in der Weiterbildung wie auch später in der Praxis (n = 4) und das Aufzeigen von Rotationsstellenmöglichkeiten und Kurzhospitationen in Spezialgebieten (n = 5).
Alle Lernziele erreichten eine statistisch hoch signifikante Verbesserung (p ≤ 0.002, Tab. A4, online Appendix). Die Weiterempfehlungsrate an Kolleginnen und Kollegen betrug 4.47/5, die Gesamtbeurteilung 4.5/5.

Diskussion

Die Absicht, Hausarzt oder Hausärztin zu werden, steigerte sich durch die kleine Intervention signifikant. Hauptgrund war für die Studierenden die Tatsache, dass sie sich auch in der Hausarztmedizin «spezialisieren» können mit Hilfe von Fähigkeitsausweisen und Schwerpunkten, aber auch in dem sie durch ihre «Steckenpferde» ihr Patientenkollektiv formen können. Wir wollten den Studierenden auch die Vielfalt zeigen und die Angst vor der Breite mit entsprechenden Tipps nehmen, und das Feedback zeigt, dass uns das gelungen ist.
Der Workshop zeigte eine hohe Teilnehmerzufriedenheit und Weiterempfehlungsrate. Die grosse Verbesserung in der Lernzielevaluation lässt vermuten, dass die vorgestellten Inhalte bisher im Studium zu kurz kamen.
Wir haben eine hohe Antwortrate mit 96% erhalten. Offene und geschlossene Fragen gaben den Antworten mehr Tiefe. Limitierend ist die kleine, monouniversitäre Studierendenpopulation und die Freiwilligkeit der Workshopteilnahme. Aus unseren Daten können wir nicht schlussfolgern, warum etwa 25% dem Workshop trotz Einladung fern blieben und dies könnte unsere Ergebnisse beeinflusst haben. Mögliche Gründe wären, dass sie ihre Zukunft nicht in der Hausarztmedizin sehen, oder dass sie aus organisatorischen oder zeitlichen Gründen nicht teilnehmen konnten.
Unsere Resultate basieren auf einer Umfrage direkt im Anschluss an einen Workshop und sind als Momentaufnahme zu sehen. Wie nachhaltig unsere Kurzintervention auch in mittelferner Zukunft sein wird, bleibt offen, zumal junge Assistenzärztinnen und Assistenzärzte in ihrer Weiterbildung weiteren gewichtigen Einflussgrössen ausgesetzt sein werden.
Dass mit ähnlich kleinen Interventionen das Interesse zumindest für den Moment an Spezialgebieten gesteigert werden kann, haben diverse Studien schon dokumentiert [5, 7, 8]. Wir konnten dies nun auch für die Hausarztmedizin zeigen.
Unsere Studie zeigte einen signifikanten Effekt auf die Wahrnehmung einer Karriere in der Hausarztmedizin. Weitere Studien mit grösseren Populationen und länger dauernden Follow-ups sind nötig. Falls sich unsere Studienresultate bestätigen sollten, wäre es sinnvoll, solche kleinen Interventionen vermehrt ins Studium zu integrieren, um die Attraktivität einer Karriere in der Hausarztmedizin weiter zu steigern.
Dr. med. Cornelia Biner
Berner Institut für Hausarztmedizin BIHAM
University of Bern
Mittelstrasse 43
CH-3012 Bern
c.biner[at]gmail.com
1 Studerus L, Ahrens R, Häuptle C, Goeldlin A, Streit S. Optional part-time and longer GP training modules in GP practices associated with more trainees becoming GPs - a cohort study in Switzerland. BMC Fam Pract. 2018 Jan 5;19(1):5.
2 Diallo B, Rozsnyai Z, Bachofner M, Maisonneuve H, Moser-Bucher C, Mueller YK, Scherz N, Martin S, Streit S. Wer strebt am Ende des Medizinstudiums eine Hausärztekarriere an? Umfrage unter Schweizer Studierenden. Praxis (Bern 1994). 2019 Sep;108(12):779-786.
3 Stierli R, Rozsnyai Z, Felber R, Jörg R, Kraft E, Exadaktylos AK, Streit S. Primary Care Physician Workforce 2020 to 2025 – a cross-sectional study for the Canton of Bern. Swiss Med Wkly. 2021 Sep 10;151:w30024.
4 bernercurriculum-aim.ch [Internet]. Bern: Das Berner Curriculum für Allgemeine Innere Medizin. 2018 [cited 2023 Sep 01]. Available from:
Conflict of Interest Statement
Die Autorinnen und Autoren haben deklariert, keine potentiellen Interessenskonflikte zu haben.