Es gab für Dr. R. zwei wichtige Indikatoren für eine beginnende Demenz: Die Meldungen der MPAs und die Berichte der Angehörigen. Eigentlich waren alle Tests unnötig, wenn diese Informationen eintrafen. Merkwürdigerweise hielten sich die Patientinnen und Patienten gegenüber dem Arzt viel besser als vor den anderen. Ein paar Minuten konnte jeder sich zusammennehmen und der Hausarzt fühlte sich oft unbehaglich beim Nachbohren, wie gut es noch gehe mit dem Gedächtnis. Die diagnostischen Tools der MPAs waren ganz einfach: Medikamentenbestellungen und Termine. Schnell wurde klar, dass da etwas nicht mehr stimmte. Für die Familien der Patientinnen und Patienten war der Fall sowieso bald klar, sofern sie das Defizit nicht negierten oder beschönigten. Mit den Jahren ergab sich eine «Warteliste» von Patientinnen und Patienten mit der Etikette «Wahrscheinliche Demenz» und der Hausarzt lernte mit zunehmender Gelassenheit, dass sich die Sache von selbst ergab. Er war gegen die frühe Diagnosestellung, solange es keine eindeutig bewiesene medikamentöse Therapie gab. Er nannte es die Gnadenfrist.
Edy Riesen
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Edy Riesen
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